|
Home Schweiz Ausland Wirtschaft Zürich Sport Kultur & Medien Vermischtes Ausgabe vom 23.04. Inserieren im Tagi Abo-Service Leserforum Newsletter SMS Suchen/Archiv Desktopnews Chats Online Werbung Tamedia-Sites Marktplatz Impressum Sitemap |
Der Tages-Anzeiger am 23.04.2002
IntensivDie Bob Dylan waren da - eine phänomenale Rockband. Von Benedetto Vigne
Man könnte auch da ganz schön ins Schwelgen geraten. Nein, sicher nicht der Songtitel wegen, diese fernen alten Bekannten kommen ja eh fast alle in seltsamen Verkleidungen daher, halb camoufliert, beinahe zur Unkenntlichkeit verdreht, «The Times They Are A-Changin’», wie ein Schunkelwalzer aus den Appalachen, falscher Frühling für die betagte Dame, also mit diesem markenüblichen Trompe-l’oreille, das auch schon ein Evergreen ist. Bestimmt auch nicht der seltsamen Stimmung wegen, dieser fiebrigen teenagerhaften Erwartung, die in der grau melierten Luft des Hallenstadions hängt: Das ist ja fast wie anno 1972 vor Pink Floyd. Aber es ist glücklicherweise etwas anderes, das mich die engen, harten Plastik-schalensitze vergessen macht: Hey, wann hab ich zum letzten Mal eine derart tolle, grandiose Gitarrenband erlebt? Schon dieser nitty-gritty-mässige Einstieg mit spanischen Saiten, Mandolen, Pedal Steel und Stehbass und einem hinterlistig rockigen Unterton, der bereits ab dem dritten Song hartnäckig nach vorne drängelt, überhand nimmt, «It’s Alright Ma (I’m Only Bleeding)». Welch Bouquet aus versetzten Licks, verzahnten Riffs, Schicht über Schicht, ein wundersamer Mechanismus, der unten ankratzt und oben nachklingt. Wann hat heutzutage eine Rockband überhaupt noch die Musse, in diesem abgestandenen Hallenstadion, in diesen zeitkodierten Auftrittszeiten die Songs über ihre Ränder hinaus ausklingen zu lassen? Den grossen swingenden Bogen von «Summer Days» voll auszuholen, auszukosten, den ostinat rollenden Riff von «A Hard Rain’s A-Gonna Fall» wie ein Mantra abzubeten, immer intensiver, ohne je lärmig oder larmoyant zu werden, mit allen drei Gitarren, selbst mit der Kleinsten, immerwährend einen neckischen Ton an der Skala vorbeispielend, den Rebellen quasi im Detail markierend? Wer kann hinstehen und «Forever Young» in die Menge hinaus gospeln, in drei verschiedenen Stimmen und Zeiten, und doch vereint aufhören, und dabei erst noch irgendwie recht behalten? Eine grossartige Band. Der Name der Band . . . Bob Dylan.
|
|